5.3 Variation in Grammatik und Pragmatik (beta)1¶
Einleitung¶
Spätestens wenn Du mit authentischen Materialien arbeitest, stellt sich nicht nur die Frage nach der Aussprache, sondern auch nach der Grammatik: Welche Formen sind „richtig“ – und für wen? Lernende begegnen heute über Serien, Filme, soziale Medien oder Netflix ganz selbstverständlich unterschiedlichen Varietäten des Spanischen. Dabei fallen nicht nur lautliche Unterschiede auf, sondern auch grammatikalische: Tempora werden anders verwendet, Pronomen wechseln, vertraute Regeln scheinen plötzlich nicht mehr eindeutig.
Grammatikalische Variation ist dabei kein Randphänomen und kein Zeichen von Nachlässigkeit, sondern Ausdruck regionaler und nationaler Normen innerhalb einer plurizentrischen Sprache. Wie bei der Aussprache gibt es auch in der Grammatik mehrere gleichberechtigte Varianten, also etablierte Möglichkeiten, dasselbe mit anderen Formen auszudrücken. Für den Unterricht ist das besonders relevant, weil grammatikalische Unterschiede unmittelbar Fragen der Regelvermittlung, der Korrektur und der Bewertung berühren.
Dieses Kapitel greift die in Variation & Plurizentrik angekündigten zentralen Bereiche auf. Einen Schwerpunkt bilden der Tempusgebrauch, insbesondere das Verhältnis von perfecto compuesto und perfecto simple (besser bekannt als indefinido), sowie der amerikanische Voseo, da beide Phänomene komplex sind und besondere Herausforderungen darstellen. Daneben sollen auch weitere interessante Variationsphänomene mehr oder weniger ausführlich behandelt werden, etwa die großen Unterschiede in der Anrede (tuteo, voseo, vosotros vs. ustedes), die Variation in der Pronomenverwendung (v.a. der leísmo), die Verwendung von Diminutivformen (casita, ahorita) sowie die Alternanzen zwischen que und de que im sogenannten (de)queísmo.
Ziel dieses Kapitels ist es natürlich nicht, dafür zu werben, möglichst viele Varianten zu lehren, sondern Dir eine fundierte Orientierung zu geben: Du sollst als Lehrkraft einschätzen können, welche grammatikalischen Unterschiede systematisch sind, wie Du sie einordnest und wie Du Lernende dafür sensibilisierst, ohne sie zu überfordern. Die Variation in der Grammatik wird dabei als Normalfall verstanden – und als Ressource für einen reflektierten, realitätsnahen Spanischunterricht.
He cantado oder canté? Diversität im Gebrauch der Vergangenheitstempora¶
Wenn im Spanischunterricht das Perfecto Compuesto (he cantado, he vivido) und das Perfecto Simple (canté, viví) eingeführt werden, werden entweder ausschließlich die für Zentralspanien übliche Verwendungsweise der beiden Tempora unterrichtet oder es wird – falls Variation eine Rolle spielt – ein sehr stark vereinfachtes Bild der Verwendung ‚in Amerika‘ gegeben. So heißt es in den klassischen Definitionen der Schulbücher etwa, dass mit den beiden Formen unterschieden wird, ob eine Handlung abgeschlossen in der Vergangenheit liegt oder ob sie ‚gerade erst‘ oder ‚heute‘ stattfand. Dem gegenüber heißt es gern, dass in Amerika (fast) immer die einfache Perfektform canté benutzt wird – oft denkt man, die Sprecher:innen dort sprächen ein weniger differenziertes Spanisch. Dem realen Gebrauch des Spanischen und seiner Varietäten wird diese Gegenüberstellung jedoch nicht gerecht. Es wird oft übersehen, dass das Perfecto Compuesto selbst im gesamten spanischsprachigen Raum verwendet wird und keineswegs auf Spanien beschränkt ist. Entscheidend ist vielmehr, welche Bedeutungen mit dieser Form verbunden werden.
Ein und dieselbe Äußerung – etwa He vivido aquí veinte años – kann je nach Land und Region unterschiedlich interpretiert werden: In weiten Teilen Spaniens bleibt offen, ob die Person dort weiterhin lebt oder nicht, während in vielen lateinamerikanischen Varietäten, etwa in Mexiko und Zentralamerika, dieselbe Form meist so verstanden wird, dass die Person noch immer dort lebt. Die Form ist dieselbe, das zugrunde liegende System und die Interpretation können sich also stark unterscheiden. Dabei gibt es nicht das eine richtige oder gar bessere System.
Prototypischer Wert des Perfecto Compuesto¶
Lehrwerke orientieren sich meist am sogenannten prototypischen Wert des Perfecto Compuesto: Es bezeichnet ein Ereignis, das zwar abgeschlossen ist, aber als in die Gegenwart hineinreichend gedeutet wird. Dass He comido con Luis in Spanien typischerweise ‚heute‘ meint und nicht irgendwann in der Vergangenheit, ist ein Beispiel für diesen jetztbezogenen Gebrauch. In diesem Zusammenhang wird im Unterricht häufig auf sogenannte „Triggerwörter“ wie hoy oder esta mañana verwiesen, die in vielen Varietäten Spaniens tatsächlich bevorzugt mit dem Perfecto Compuesto kombiniert werden (Hoy he desayunado tarde).
Wichtig ist jedoch: Dieser Gebrauch ist weder typisch für ganz Spanien (nämlich vor allem im Zentrum und Süden), noch exklusiv, denn in Peru, Bolivien und dem Nordwesten Argentiniens wird das Perfecto Compuesto ebenfalls so verwendet. Die typische Lehrbuchregel, die implizit suggeriert, Lateinamerika funktioniere einheitlich anders als Spanien, trifft also schlicht nicht zu.
Hoy desayuné temprano? Variation des Gebrauchs in Spanien
Auch innerhalb Spaniens wird das Perfecto Compuesto nicht einheitlich verwendet. Während im Zentrum und Süden Formen wie Hoy he llegado tarde oder Esta mañana he hablado con ella sehr verbreitet sind, wird in anderen Regionen – etwa in Galicien, im Nordwesten Spaniens oder auf den Kanarischen Inseln – häufig das Perfecto Simple bevorzugt. Dort heißt es eher Hoy llegué tarde oder Esta mañana hablé con ella. In diesen Varietäten übernimmt das Perfecto Simple viele Funktionen, die im zentralspanischen Gebrauch dem Perfecto Compuesto zukommen. Die Unterschiede zeigen, dass es auch innerhalb Spaniens mehrere grammatische Normen gibt und der sogenannte prototypische Gebrauch regional begrenzt ist.
Vielfalt statt Zweiteilung: unterschiedliche grammatische Systeme¶
In vielen Regionen Amerikas unterscheiden sich Perfecto Compuesto und Perfecto Simple nicht primär dadurch, ob ein Ereignis einen Bezug zur Gegenwart hat, sondern dadurch, wie eine Handlung bewertet wird: als abgeschlossen oder als fortdauernd. In großen Teilen Mexikos, Mittelamerikas und der Karibik wird viví bevorzugt verwendet, wenn eine Situation eindeutig beendet ist, während he vivido typischerweise dann erscheint, wenn eine Handlung oder ein Zustand bis in die Gegenwart reicht. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, warum ein Satz wie He vivido aquí veinte años hier meist so verstanden wird, dass die Person noch immer dort lebt.
Neutralisierung der Opposition: wenn eine Form die andere ersetzt¶
Neben solchen Systemen, in denen Perfecto Compuesto und Perfecto Simple unterschiedliche Funktionen übernehmen, gibt es Varietäten, in denen die Opposition zwischen beiden Formen weitgehend neutralisiert ist. In Ländern wie Chile, Uruguay, großen Teilen Argentiniens sowie im Nordwesten Spaniens wird das Perfecto Simple im Alltagsgebrauch zur dominanten Vergangenheitsform und übernimmt nahezu alle Kontexte, auch solche, in denen anderswo das Perfecto Compuesto üblich ist. Statt ¿Has llamado? oder ¿Qué has dicho? heißt es hier regelmäßig ¿Llamaste? und ¿Qué dijiste?, selbst wenn es um etwas gerade eben Erlebtes oder Gesagtes geht.
Der umgekehrte Fall tritt aber auch auf: An der peruanischen Küste und in Teilen Boliviens sowie in Paraguay und dem Nordwesten Argentiniens übernimmt nämlich das Perfecto Compuesto Funktionen, die sonst dem Perfecto Simple zukommen. Dort kann man häufig Äußerungen wie Ha llegado hace tres años hören. Insbesondere im Andengebiet wird die einfache Perfektform als allzu formell empfunden und daher vermieden (wie das Präteritum im Deutschen heute).
Gemeinsame Verwendungen des Perfecto Compuesto¶
Trotz der beschriebenen Unterschiede gibt es Verwendungen des Perfecto Compuesto, die im gesamten spanischsprachigen Raum stabil sind – selbst in Varietäten, in denen diese Form sonst nur selten gebraucht wird. Dazu gehört vor allem der Ausdruck von Lebenserfahrungen, wie in He viajado muchas veces a Europa oder Nunca lo he visto en mi vida. Solche Sätze beziehen sich auf einen offenen Zeitraum (‘bis jetzt’) und werden überall mit dem Perfecto Compuesto gebildet. Ähnlich verhält es sich mit Verwendungen, bei denen ein gegenwärtig wahrnehmbares Ergebnis oder eine aktuelle Feststellung sowie Überraschung im Vordergrund stehen, etwa in ¡Cómo han subido los precios! oder ¡Cómo has cambiado!.
Diese gemeinsamen Verwendungen zeigen, dass das Perfecto Compuesto auch dort, wo andere Vergangenheitsformen dominieren, feste und klar umrissene Funktionen behält.
Variation als Normalfall¶
Der Vergleich von Perfecto Compuesto und Perfecto Simple zeigt exemplarisch, dass grammatische Variation im Spanischen der Normalfall ist. Es gibt weder „die“ eine richtige Lösung noch einen einfachen Gegensatz zwischen Spanien und Lateinamerika, sondern mehrere regional verankerte Systeme, die jeweils konsistent funktionieren. Für den Unterricht bedeutet das, dass unterschiedliche Verwendungen nicht als Fehler oder Abweichungen zu bewerten sind, unabhängig davon, welche Variante im Klassenzimmer vermittelt wird.
Gerade fortgeschrittene Lernende sollten darauf vorbereitet sein, dass die Tempusverwendung in einer mexikanischen Serie oder in einem argentinischen Film von dem abweichen kann, was sie aus Schulbüchern oder Lückentexten kennen. Solche Unterschiede sind kein Zeichen mangelnder Sprachbeherrschung, sondern Ausdruck sprachlichen Wandels und nationaler sowie regionaler Normen – vergleichbar etwa mit der unterschiedlichen Verwendung von ich aß und ich habe gegessen im Deutschen. Sprachliche Sensibilität für diese Vielfalt ist daher ein zentrales Ziel eines reflektierten Spanischunterrichts.
Variation in der Andrede: tú vs. vos, vosotros vs. ustedes¶
Sagen wirklich alle 'du'? Der tuteo in Spanien und in Amerika (?)¶
Der Voseo in Amerika (nicht nur in Argentinien) (Daniel Mehrlein Merenciano)¶
Vosotros vs. ustedes (Karina Stephan Quezada)¶
Variation im Gebrauch der Diminutive (Becker)¶
Leísmo, laísmo y loísmo (?)¶
Dequeísmo y queísmo (?)¶
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Autor:innen: Felix Tacke
Beiträge & Peer-Review: Paul Becker, Daniel Mehrlein MerencianoLetzte Änderung: 16.12.2025 ↩