Vorwort¶
Dieses digitale Lehrbuch richtet sich an (angehende) Spanischlehrkräfte und geht von einer grundlegenden Beobachtung aus: Sprachunterricht ist immer auch Sprachreflexion. Wer Spanisch unterrichtet, arbeitet fortlaufend mit sprachlichen Strukturen, Normen, Abweichungen und Varianten – häufig implizit, selten systematisch abgesichert. Spanische Linguistik @ School setzt genau hier an. Das Buch zeigt, wie linguistisches Wissen gezielt dazu beitragen kann, Unterricht zu reflektieren, Lernendensprache zu verstehen und didaktisch begründete Entscheidungen zu treffen.
Die Kapitel behandeln unter anderem Aussprache und Orthographie, Fehlerlinguistik, Sprachvariation und Sprachwandel sowie den Umgang mit Herkunftssprachen im Fremdsprachenunterricht. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei Variation und Plurizentrik – Bereiche, zu denen sich in den letzten Jahren besonders viele Fragen aus der Unterrichtspraxis ergeben haben. Lehrkräfte sehen sich hier mit einer komplexen sprachlichen Realität konfrontiert, die in Lehrwerken und Curricula nie vollständig abgebildet werden kann. Ziel des Lehrbuchs ist es daher nicht, diese Vielfalt erschöpfend zu katalogisieren, sondern die linguistische Kompetenz zu vermitteln, mit der Lehrkräfte sich solche Komplexität bei Bedarf gezielt erschließen, einordnen und didaktisch reflektieren können.
Entstanden ist dieses Lehrbuch im Rahmen eines umfassenden hochschuldidaktischen Konzepts, das Hochschullehre, Forschung und schulischen Transfer eng miteinander verzahnt. Zentrales Element dieses Konzepts ist die aktive Rolle der Studierenden als (Mit-)Autor:innen. Die Kapitel dieses Buches gehen maßgeblich auf studentische Beiträge zurück, die im Rahmen universitärer Lehrveranstaltungen entwickelt wurden. Durch das eigenständige Schreiben von Lehrbuchtexten setzen sich Studierende besonders intensiv mit linguistischen Inhalten auseinander: Fachbegriffe müssen präzise verstanden, theoretische Konzepte didaktisch übersetzt und sprachliche Phänomene für einen schulischen Kontext verständlich aufbereitet werden. Diese produktive Auseinandersetzung führt zu einer deutlich vertieften fachlichen Durchdringung, die weit über eine rein rezipierende Beschäftigung hinausgeht.
Die Texterstellung erfolgt in einem mehrstufigen Arbeitsprozess. Auf der Grundlage einer konzeptionellen Rahmung entstehen zunächst studentische Entwürfe, die im Seminar diskutiert und in einem strukturierten Peer-Review-Verfahren von Studierenden für Studierende weiterentwickelt werden. Auf dieser Basis erfolgt anschließend die abschließende redaktionelle und fachliche Bearbeitung durch mich, die die stilistische Vereinheitlichung, die fachliche Absicherung sowie die finale Durchsicht aller Beiträge umfasst. Die studentische Autor:innenschaft bleibt dabei transparent sichtbar – sowohl auf dem Titelblatt des Buches als auch in den Zitierangaben unter den einzelnen Kapiteln.
Das Lehrbuch ist eingebettet in ein größeres von mir an der Philipps-Universität Marburg entwickelten Digital-Humanities-Ökosystem (Hispanistica @ Marburg). Zahlreiche Beispiele, Datengrundlagen und Materialien stammen direkt aus in diesem Rahmen entstandenen Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Ergänzend dazu entstehen auf Games.Hispanistica seit Ende 2025 außerdem gamifizierte (Hochschul-)Lernformate, die inhaltlich unmittelbar an die Kapitel dieses Lehrbuchs anknüpfen. Lehrbuch, Forschung und digitale Lernangebote sind damit nicht nebeneinander gestellt, sondern systematisch miteinander verschränkt.
Die Arbeit an diesem Lehrbuch begann im April 2025 als offenes Projekt im Rahmen der Hochschullehre. Über zwei aufeinanderfolgende Semester hinweg wurden Konzeption, Inhalte und Formate kontinuierlich weiterentwickelt, erprobt und geschärft. Aus ersten Entwürfen entstand schrittweise ein konsistentes digitales Lehrbuch, dessen Kapitel fachlich, didaktisch und redaktionell aufeinander abgestimmt sind. Die vorliegende Fassung dokumentiert damit nicht einen Abschluss, sondern den erreichten Stand eines gewachsenen Arbeitsprozesses.
Auch wenn Spanische Linguistik @ School grundsätzlich offen konzipiert ist und weiter ergänzt werden soll, markiert die vorliegende Fassung einen wichtigen Meilenstein. Mit Abschluss aller zentralen Kapitel liegt erstmals eine Version 1.0 vor – eine in sich geschlossene, zitierfähige Publikation. Das Buch ist versioniert und dauerhaft über Zenodo archiviert, sodass einzelne Fassungen transparent nachvollziehbar referenziert werden können.
Dieses Lehrbuch versteht sich damit nicht nur als Beitrag zur Spanischdidaktik, sondern auch als Impuls, Hochschullehre neu zu denken: als einen Raum, in dem Studierende nicht nur Inhalte rezipieren, sondern Wissen produzieren; in dem Forschung, Lehre und Transfer systematisch zusammengedacht werden; und in dem digitale Formate didaktisch begründet eingesetzt werden.
Der konzeptionelle Ausgangspunkt dieses Projekts liegt in der Arbeit von Rolf Kreyer, dessen Buch The Linguistic Toolkit for Teachers of English: Discovering the Value of Linguistics for Foreign Language Teaching (Tübingen: Narr Francke Attempto, 2023) eindrucksvoll gezeigt hat, wie Linguistik als relevantes, praxisnahes Werkzeug für die Ausbildung angehender Fremdsprachenlehrkräfte vermittelt werden kann. Sein Ansatz, linguistische Kompetenz konsequent auf schulische Handlungssituationen zu beziehen, war die entscheidende Inspiration für Spanische Linguistik @ School, das diesen Gedanken für den Spanischunterricht aufgreift und im digitalen Raum weiterentwickelt.
Marburg, Januar 2026
Felix Tacke
Dieses Buch zitieren
Tacke, Felix (Koord.) (2025–): Spanische Linguistik @ School. Marburg: Universität Marburg. Online: https://school.hispanistica.com/
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